Die informellen Arbeiten im Werk von Udo Hagedorn.
In den schwungvollen expressiven Kompositionen des in Berlin und Brandenburg lebenden Künstlers Udo Hagedorn lässt sich immer wieder eine Zusammenführung von Kunst und Leben beobachten. Nach Aussagen des Malers entsteht durch den Wechsel von tosender Großstadt und dörflicher Beschaulichkeit eine explodierende Erlebnisintensität, die sich in seinen Arbeiten niederschlägt. Hagedorn pendelt zwischen zwei Wohnsitzen, der Weltstadt Berlin und dem beschaulichen Ort Ihlow in Brandenburg.
Udo Hagedorn arbeitet bevorzugt in Bildfolgen, die bis zu sechs fragmentarische Variationen umfassen. Die einzelnen Motive einer thematischen Folge sind in sich abgeschlossene Arbeiten, welche allein, zusammen oder in beliebiger Kombination wahrgenommen werden können. Die Arbeiten loten Dimensionen aus, die jenseits der Sichtbarkeit einer fotogenerierten und technologischen Bilderflut unseres Alltagslebens liegen.
Die Kompositionen unterliegen einem spontanen in der Form offengelassenen Verfahren, welches für die Bildfindung bestimmend wird. Gestische Abstraktionen, begleitet von kalligraphischen Zeichen, stehen in einem intuitiven Prozess, der auf die reine Ausdrucksgestalt zielt. Das Zufällige wird in einem Filterungsprozess zum Bestimmten, indem sich das vorab unkontrolliert Entstandene zu einer gestalterischen Einheit verdichtet.
Kunst ist der Ort in unserer Gesellschaft, am dem sich ambige Strukturen und ambivalente Rezeptionsweisen besonders deutlich artikulieren.
Die Serie „Skulpturales“, in welcher der Künstler mit bis zu 20 Lasuren gearbeitet hat, zeigt zudem konstruktivistische Formenanklänge.
Die Arbeiten von Udo Hagedorn stehen in der Tradition des Informel. In der gegenstandslosen Malerei ist Farbe autonom vom Gegenstand formgestaltend: Farbtöne, Zwischentöne bilden spontane Interferenzen. Kalligraphische Impulse aus der asiatischen Zen-Kunst verdichten die Kompositionen, wie in den Frühlingsbildern. Auch die Künstler des Informel haben fernöstliches Gedankengut als Inspirationsquelle genutzt, ohne in die Tiefen des ZEN vorzudringen, ohne dies auch beabsichtigt zu haben.
Udo Hagedorn begreift die Linienführung in seinen Arbeiten als „vorsprachliche Beschreibungsversuche des Erlebten unter Vermeidung von entschlüsselbaren Zeichen“, wobei sich Assoziationen an kalligraphische Zeichen kaum vermeiden lassen. Schriftspuren, die verschiedene Bildebenen verbinden können oder auch abrupt trennen, scheinen sich aus dem Moment des Arbeitsvorganges frei erfunden herauszubilden, wie in der Serie „Formierungen“. Die präverbale Phase in den Kompositionen ermöglicht noch unstrukturierte Gefühle, wie sie sich durch die Strukturiertheit unserer Sprache nicht vermitteln lassen, in kraftvolle visuelle Energiespuren umzusetzen, wie z. B. in den Arbeiten „Narrationen“.
Die Kompositionen entstehen vorwiegend ohne einen fassbaren Plan, der Maler vertraut seiner Intuition, überlässt sein Tun der Spur seiner Hand. Die Farben werden auf den flach auf dem Fußboden liegenden Bildträger gesprenkelt, gekleckst oder mit schwungvollen Pinselhieben aufgetragen.
„Hexenschuss“ ist eine der wenigen Kompositionsreihen, in denen sich realitätsnahe Bezüge ableiten lassen. Auch in den Hexenschuss-Bildern dominieren verdichtete Bildhintergründe, dennoch setzen dezente gegenständliche Verweise und die Symbolkraft der Farbe Rot Bezüge zu der vorgegebenen Thematik: das Fragment einer Wirbelsäule, ein roter Blitz assoziieren trotz einer weit fortgeschrittenen Abstraktionsstufe einen plötzlich auftretenden punktuellen Schmerz, der anschließend über den ganzen Rücken streut. Sie sind unmittelbare Zeichen für eine vom Künstler selbst erfahrene Pein, eine künstlerische Ästhetisierung des Alltags.
Obwohl informelle Arbeiten einen selbstreferentiellen Ansatz verfolgen und primär die eigene Präsenz demonstrieren, lassen sich Erzählspuren in den Bildern wahrnehmen, darauf verweisen die Titel, die der Maler seinen Bildserien gibt. Hagedorn betont explizit, dass seine Verweise auf reales Geschehen optional zu verstehen sind. Der Betrachter kann sich dieser thematischen Brücke bedienen oder stattdessen von eigenen Assoziationen leiten lassen. „Ein Bild lebt auf in Gesellschaft eines sensiblen Betrachters, in dessen Bewusstsein es sich entfaltet und wächst.“ Dieses Zitat von Mark Rothko verdeutlicht die Freiheit des Betrachters in der modernen Bildrezeption.
Unter Grafik geordnet sind die Arbeiten „Ihlow Nr. 43-66“, „Papierarbeiten“ und „Monotopien“. In der Serie „Ihlow“ lassen sich dominante schwarze Formen auf ein Kräftemessen mit korrespondierenden Formationen und den Umgebungsfarben ein. Diese aus dem Unbekannten geschöpften Formen stehen in lyrischer Beziehung zueinander, im Gegensatz zu den Gemälden bleiben hier die Bildgründe weitgehend monochrom.
Das Sich-Einlassen des Künstlers auf Unbekanntes führt in einigen „Papierarbeiten“ intuitiv zu naturverwandten Grundformen. In den Monotypien dominiert die Sinnlichkeit der Farbe, fließende Blau-, Rot-, Gelb- und Grüntöne verschmelzen zu einer kompositorischen Harmonie, auf dem gräulich gehaltenen Hintergrund.
SH